Human-centered Design

Die folgenden Abschnitte sind aus einer mehrjährigen theoretischen Auseinandersetzung hervorgegangen, die sich über verschiedene wissenschaftliche Arbeiten und insbesondere über meine Masterarbeit erstreckt hat. Im Zentrum stand dabei die Frage, wie sich Human-centered Design im Gebäude nicht nur theoretisch beschreiben, sondern auch planerisch greifbar machen lässt.

Aus der kritischen Analyse bestehender Ansätze entwickelte sich schrittweise ein eigenes konzeptionelles Gerüst. Dieses bildet die Grundlage für das im Rahmen meiner Masterarbeit entwickelte Septopus-Tool, das die erarbeiteten Zusammenhänge in ein anwendungsorientiertes Instrument für die Bedarfsplanung überführt.

Einordnung

Menschen verbringen heute den überwiegenden Teil ihres Lebens in Innenräumen, in Mitteleuropa sogar durchschnittlich um die 90 Prozent (Umweltbundesamt 2025). Diese Entwicklung eröffnet ein Spannungsfeld zu den Bedürfnissen des Menschen, die sich im Laufe der Evolution im Einklang mit einer dynamischen, natürlichen und vielfältigen Umwelt herausgebildet haben. Die gebaute Umwelt stellt somit zunehmend den dominierenden Erfahrungsraum des Alltags dar, ohne jedoch zwangsläufig auf unsere biologischen und psychologischen Voraussetzungen abgestimmt zu sein. Die daraus resultierende Diskrepanz zwischen evolutionärer Prägung und räumlicher Realität wurde lange unterschätzt.

In der Gebäudeplanung lag der Fokus über viele Jahre hinweg primär auf der energetischen Effizienz und in den vergangenen Jahrzehnten verstärkt auch auf ökologischen Aspekten der Nachhaltigkeit. Diese Themen sind heute auf theoretischer Ebene gut verstanden und methodisch breit etabliert. Die zentrale Herausforderung liegt hier somit vor allem in der baupraktischen Umsetzung dieser Konzepte.

Gleichzeitig greifen diese Ansätze in ihrer Zielsetzung zu kurz, da sie primär die Optimierung des Gebäudes als technisches System verfolgen. Genau an diesem Punkt setzt der Paradigmenwechsel des Human-centered Design an, indem der Fokus der Planung von der Optimierung des Gebäudes an sich hin zur Optimierung des Gebäudes für den Menschen verschoben wird. Die Erfahrung der Menschen im Gebäude wird damit zu einem der zentralen Maßstäbe der Planung.

Dabei versteht sich das Human-centered Design ausdrücklich nicht als Gegenentwurf zu bestehenden Planungsprozessen. Energieeffizienz und ökologische Nachhaltigkeit bleiben grundlegende Voraussetzungen für die langfristige Sicherstellung einer lebenswerten Umwelt und damit auch des Human-centered Designs selbst. Vielmehr erweitert es diese etablierten Ansätze, indem es den bislang dominierenden ökonomischen und ökologischen Aspekten der Nachhaltigkeit eine konsequente soziale Dimension hinzufügt. Erst durch ihre systematische Berücksichtigung wird Nachhaltigkeit im Sinne des Drei-Säulen-Modells ganzheitlich realisiert.

Definition

Das Human-centered Design konzentriert sich auf die Gestaltung von Produkten, Dienstleistungen und Umgebungen, die die Bedürfnisse und Erfahrungen des Menschen in den Mittelpunkt stellen. Zentrale Konzepte sind Komfort, Gesundheit und Wellbeing, die in ihrer Gesamtheit häufig auch unter dem Begriff der Indoor Environmental Quality (IEQ) zusammengefasst werden (Rohde et al. 2020). Der Ansatz verfolgt dabei ein holistisches Ideal, das darauf abzielt, das gesamte Spektrum menschlicher Erfahrung im gebauten Raum zu berücksichtigen. Auch wenn dieses Ideal in der planerischen Praxis nicht vollständig erreichbar ist, dient es als richtungsweisender Maßstab für Entwurf, Bewertung und Entscheidungsfindung.

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesen Dimensionen ist jedoch mit grundlegenden Herausforderungen verbunden. Viele der relevanten Einflussfaktoren sind subjektiv geprägt und somit nur begrenzt quantifizierbar. Zudem besteht in der Literatur keine einheitliche Definition oder Verwendung der Begriffe sowie ihrer Beziehungen zueinander, was zu semantischen Unschärfen und einer eingeschränkten Vergleichbarkeit bestehender Ansätze führt (u. a. Watson 2018).

Darüber hinaus greifen die etablierten Konzepte von Komfort und Gesundheit im Kontext des Human-centered Design inhaltlich zu kurz. Sie sind überwiegend über die Vermeidung negativer Reize definiert, etwa durch Grenzwerte oder die Vorhersage Unzufriedener (Percentage Dissatisfied PD), und zielen damit im besten Fall auf einen neutralen Zustand ab (Altomonte et al. 2020). Das Ausbleiben negativer Einflüsse ist jedoch nicht zwangsläufig mit positiven Erfahrungen gleichzusetzen (Hanc et al. 2019, Rhode et al. 2020).

Diese Asymmetrie verdeutlicht die Notwendigkeit der Einführung von Wellbeing als komplementärer, positiv definierter Dimension. Während Komfort und Gesundheit primär auf die Reduktion von Belastungen ausgerichtet sind, fokussiert Wellbeing explizit die Förderung positiver Erfahrungen. Diese Differenzierung lässt sich analog zur Unterscheidung der komplementären Konzepte Pathogenese und Salutogenese verstehen (Antonovsky 1998). Komfort und Gesundheit folgen dabei dem pathogenetischen Ziel der Krankheitsvermeidung, während Wellbeing dem salutogenetischen Ansatz der Gesundheitsförderung zuzuordnen ist. Der Fokus verschiebt sich somit von der reinen Identifikation von Risikofaktoren und Defiziten hin zur Stärkung von Ressourcen und Resilienz. Erst durch das Zusammenspiel dieser komplementären Dimensionen wird eine ganzheitliche Betrachtung möglich, die dem holistischen Anspruch des Human-centered Design gerecht wird.

Dimensionen

Komfort

Beim Komfort handelt es sich um die planerisch am besten etablierten Dimension des Human-centered Design. Sie spielt eine zentrale Rolle in der Bewertung und Gestaltung von Innenräumen. Historisch entwickelte sich das Komfortverständnis aus stark normierten, technisch geprägten Modellen, die primär darauf abzielen, Unbehagen zu vermeiden und akzeptable Umweltbedingungen sicherzustellen, etwa im Bereich des thermischen Komforts (Fanger 1972).

Nach heutigem Verständnis umfasst Komfort sowohl physische als auch psychische Aspekte und bezieht sich auf thermische, visuelle, akustische und lufttechnische Bedingungen im Innenraum (Paul und Taylor 2008). Diese Vielschichtigkeit macht eine einheitliche Definition schwierig und verdeutlicht zugleich, dass Komfort nicht allein über einzelne Messgrößen beschrieben werden kann (Rohde et al. 2020).

Ein zentrales Merkmal etablierter Komfortkonzepte besteht darin, dass sie überwiegend auf die Vermeidung negativer Reize ausgerichtet sind. Ziel ist es, Zustände zu schaffen, die von möglichst vielen Nutzenden akzeptiert werden, etwa durch Grenzwerte oder die Prognose Unzufriedener (Predicted Percentage of Dissatisfied PPD). Ein weiteres zentrales Merkmal etablierter Ansätze besteht in der Schaffung möglichst statischer Umgebungen, die vermeintlich gut kontrollierbar sind. Doch gerade diese dauerhaft „komfortable“ Umgebungen stehen zunehmend in der Kritik. Sie ignorieren inter- und intraindividuelle Differenzen, reduzieren wahrgenommene Kontrolle und begrenzen die Exposition gegenüber dynamischen Reizen. Studien weisen darauf hin, dass Variabilität – etwa im thermischen oder visuellen Umfeld – einen positiven Einfluss auf Wohlbefinden, Aufmerksamkeit und langfristige Gesundheit haben kann (Birchler-Pedross et al. 2009; Altomonte et al. 2020).

Im Kontext des Human-centered Design wird Komfort daher nicht als Selbstzweck verstanden, sondern als notwendige, jedoch nicht hinreichende Voraussetzung. Er bildet die Basis, auf der weiterführende Dimensionen wie Gesundheit und insbesondere Wellbeing aufbauen. Erst im Zusammenspiel dieser Dimensionen lässt sich eine Umgebung schaffen, die nicht nur akzeptiert wird, sondern aktiv zur Qualität menschlicher Erfahrung beiträgt.

Um den vielschichtigen Begriff des Komforts greifbarer zu machen, werden im Folgenden seine vier zentralen Teilbereiche dargestellt und kurz erläutert:

Thermischer Komfort

Der thermische Komfort gilt als einer der wichtigsten Einflussfaktoren für die Gesamtwahrnehmung von Innenräumen (Frontczak und Wargocki 2011). Klassische Modelle wie PMV und PPD nach Fanger (1973) bilden bis heute die Grundlage normativer Bewertungen, etwa in der DIN EN ISO 7730. Gleichzeitig wird kritisiert, dass das Streben nach thermischer Neutralität individuelle Bedürfnisse sowie potenziell positive Effekte thermischer Variabilität auf Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit vernachlässigt (Altomonte et al. 2020; Rohde et al. 2020).

PMV PPD Lokale Unbehaglichkeit

Akustischer Komfort

Der akustische Komfort zählt zu den am stärksten regulierten Bereichen der Gebäudeplanung und ist in zahlreichen Normen und Zertifizierungssystemen verankert. Trotz dieser regulatorischen Dichte stellen akustische Defizite einen der häufigsten Gründe für Nutzerbeschwerden dar (Altomonte et al. 2020). Neben der Reduktion von Lärm gewinnt die gezielte Gestaltung positiver akustischer Qualitäten zunehmend an Bedeutung, insbesondere im Hinblick auf Konzentration, Produktivität und wahrgenommene Privatsphäre (Rasmussen 2010; Rohde et al. 2020).

Lärm Schallschutz Hörsamkeit

Olfaktorischer Komfort

Der olfaktorische Komfort ist eng mit der Innenraumluftqualität verknüpft und geht ebenfalls auf Arbeiten von Fanger zurück, der mit den Konzepten Olf und Decipol eine sensorische Bewertung der Luftqualität einführte (Fanger 1988). Während gesundheitliche Auswirkungen von Schadstoffen meist langfristig betrachtet werden, wird olfaktorischer Komfort unmittelbar wahrgenommen und beeinflusst Akzeptanz, Zufriedenheit und das Gefühl von Kontrolle, etwa durch die Möglichkeit der Fensteröffnung (Rohde et al. 2020; Kwon et al. 2019).

Geruch Indoor Air Quality (IAQ)

Visueller Komfort

Visueller Komfort beschreibt, wie Menschen auf die Qualität, Quantität und Verteilung von Licht reagieren und ob dies zu angenehmem oder unangenehmem Sehen führt (Houser et al. 2021). Häufig wird visueller Komfort über die Vermeidung von Blendung definiert (u.a. Osterhaus 2005). Forschungsergebnisse zeigen jedoch, dass visuelles Interesse, Ausblick und Dynamik des Tageslichts entscheidende Faktoren für eine positive visuelle Erfahrung darstellen und daher ganzheitlich berücksichtigt werden müssen (Altomonte et al. 2020; Tuaycharoen und Tregenza 2005).

Tageslicht Ausblick Blendung
Gesundheit

Der Begriff Gesundheit wird je nach kulturellem Kontext und individueller Perspektive unterschiedlich verstanden. Während einige Definitionen Gesundheit primär als körperlichen Zustand begreifen, schließen andere explizit auch psychische Aspekte ein, etwa im Sinne der Definition der Weltgesundheitsorganisation WHO (World Health Organization 2006). Um eine klare Abgrenzung zwischen den Dimensionen Komfort, Gesundheit und Wellbeing zu ermöglichen, wird Gesundheit hier bewusst auf physische und psychische Gesundheit beschränkt.

In der gebäudebezogenen Forschung und Planung ist Gesundheit traditionell stark von einem pathogenetischen Verständnis geprägt. Etablierte Ansätze zielen in erster Linie auf die Vermeidung negativer Reize und Belastungen ab. Im Fokus stehen dabei Grenzwerte, Mindestanforderungen und die Begrenzung schädlicher Expositionen (Altomonte et al. 2020). Dieser Ansatz ist aus gesundheitlicher Sicht sinnvoll und notwendig, greift in seiner Zielsetzung jedoch häufig zu kurz.

Entsprechend stützt sich die physische Bewertung der Gesundheit vor allem auf die Konzentration gesundheitlich relevanter Stoffe. Dazu zählen unter anderem Feinstäube (PM₁₀, PM₂,₅), flüchtige organische Verbindungen (VOC), anorganische Gase wie Stickstoffdioxid, Kohlenmonoxid oder Ozon sowie das radiokative Gas Radon. Diese Schadstoffe sind heute bereits fest in etablierten Nachhaltigkeitszertifizierungssystemen wie DGNB oder WELL verankert und damit gut in die planerische Praxis integriert (DGNB 2023; IWIB 2025).

Da die betrachteten Schadstoffe primär über die Luft aufgenommen werden, steht die Dimension der Gesundheit in enger Beziehung zur Innraumluftqualität. Der Mensch selbst stellt dabei keine dominante Quelle der Luftverschmutzung in Innenräumen dar. Vielmehr rücken die verbauten Materialien in Gebäude und Einrichtungsgegenständen in den Fokus der gesundheitlichen Bewertung (Bluyssen et al. 1996). Vor diesem Hintergrund wird in der Literatur häufig der Zusammenhang zwischen sogenannten Green Buildings und ihren gesundheitlichen Auswirkungen diskutiert (Allen et al. 2015; Singh et al. 2010). Der Einsatz emissionsarmer und nachhaltiger Materialien kann einerseits die unmittelbare Schadstoffbelastung reduzieren und damit die individuelle Gesundheit positiv beeinflussen. Andererseits besteht eine indirekte Wirkung auf gesellschaftlicher Ebene, da ein geringerer Energie- und Ressourcenverbrauch Umweltbelastungen und klimabedingte Gesundheitsrisiken mindert (Allen et al. 2015). Ergänzend ist dabei zu berücksichtigen, dass sich die gesundheitlich relevante Belastung nicht ausschließlich aus gebäudeinternen Emissionsquellen ergibt. Auch die Exposition gegenüber Schadstoffen aus der Außenluft spielt eine wesentliche Rolle, da rund 65 % der gesamten Schadstoffexposition in Innenräumen stattfindet (Fisk und Chan 2017).

Auffällig ist, dass sich etablierte gesundheitsbezogene Ansätze in der Gebäudeplanung bislang überwiegend auf die physische Gesundheit konzentrieren. Die psychische Gesundheit, obwohl für das menschliche Wohlbefinden ebenso zentral, wird häufig nur implizit oder randständig berücksichtigt. Dabei stellt sie eines der drängendsten Gesundheitsprobleme unserer Zeit dar und gewinnt insbesondere im Kontext von Stress, Leistungsdruck und urbanen Lebenswelten zunehmend an Bedeutung. Ein wesentlicher Grund für diese Unterrepräsentation liegt in der erschwerten empirischen Zugänglichkeit psychischer Gesundheit. Im Gegensatz zu vielen physischen Gesundheitsparametern lassen sich psychische Belastungen und Ressourcen nicht ohne Weiteres über einfache, eindeutig quantifizierbare Grenzwerte definieren. Dies erschwert ihre Integration in normative Bewertungs- und Planungsansätze, unterstreicht jedoch zugleich den Bedarf an weiterführender, interdisziplinärer Forschung. Darüber hinaus bleiben die wechselseitigen Abhängigkeiten zwischen physischer und psychischer Gesundheit in bestehenden Modellen weitgehend unberücksichtigt, obwohl sie für eine ganzheitliche Betrachtung von Gesundheit von zentraler Bedeutung sind.

Gesundheit wird daher als notwendige Grundlage eines Human-centered Design verstanden. Sie schafft erst die Voraussetzung dafür, dass Komfort und Wellbeing wirksam werden können. Gleichzeitig zeigt sich, dass eine rein pathogenetische Perspektive – also die ausschließliche Fokussierung auf die Vermeidung von negativen Einflüssen – nicht ausreicht, um Gesundheit im Sinne einer nachhaltigen, menschenzentrierten Planung ganzheitlich zu erfassen. Gesundheit und Nachhaltigkeit sind damit eng miteinander verknüpft und bilden eine zentrale Schnittstelle zwischen ökologischen, ökonomischen und sozialen Zielsetzungen.

Wellbeing

In den letzten Jahren hat sich zunehmend gezeigt, dass das Fehlen von negativen Erfahrungen nicht zwangsläufig mit positiven Erfahrungen gleichzusetzen ist. Aktuelle Studien betonen daher die Notwendigkeit, neue Wege zu definieren, um einen Beitrag zu leisten und Value zum Leben von Individuen in der gebauten Umwelt hinzuzufügen. Ziel ist es, positive Anreize zu schaffen, die Denken, Emotionen und Motivation fördern und so ein Flourishing der Nutzer ermöglichen (Wierzbicka et al. 2018; Huppert und So 2013).

Gleichzeitig steht die Forschung zum Wellbeing noch vor grundlegenden Herausforderungen. Eine zentrale Schwierigkeit besteht in der fehlenden begrifflichen Einheitlichkeit. Studien sind nur dann vergleichbar, wenn sie auf klar definierten Konzepten beruhen – genau hier bestehen jedoch weiterhin semantische Unschärfen (Hanc et al. 2019). Die Problematik wird in der Literatur explizit thematisiert, etwa in „The challenge of defining wellbeing“ (Dodge et al. 2012).

Eine einheitliche Definition für Wellbeing existiert bis heute nicht. Die Gründe hierfür sind vielschichtig. Manche Autoren führen die Multidimensionalität des Begriffs als Ursache für seine unpräzisen und weitgefächerten Definitionen an (Forgeard et al. 2011). Die daraus resultierende Interdisziplinarität der beteiligten Fachrichtungen verkompliziert die Kommunikation zusätzlich. So finden sich die Fundamente von Well-being in den Feldern der Psychologie, Soziologie und Ökonomie (Hanc et al. 2019).

Ausgehend von den Definitionen für happiness und „wellness“ ist Well-being als die Abwesenheit von „ill-being“ und das Vorhandensein einer darüber hinausgehenden positiven Dimension optimaler Bedingungen zu verstehen (Hanc et al. 2019). In diesem Kontext wird Well-being auch als komplementäres, positives Gegenstück zu den Dimensionen Komfort und Gesundheit beschrieben (Rohde et al. 2020).

Die Verbindung zum Begriff des Glücks verdeutlicht den erweiterten Anspruch von Wellbeing. Dabei greifen einige Autoren auf die aristotelischen Begriffe hedonia und eudaimonia zurück (Hanc et al. 2019; Watson 2018). Während hedonisches Wohlbefinden auf erlebtes Glück und subjektive Lebensqualität abzielt, beschreibt eudaimonisches Wohlbefinden ein tiefergehendes Verständnis von Sinnhaftigkeit, Selbstbestimmung und persönlicher Entfaltung. Begriffe wie self-determination oder flourishing sind eng mit diesem Ansatz verbunden (Watson 2018).

Ein zentraler Faktor des Wellbeing ist die wahrgenommene oder tatsächliche Kontrolle über die eigene Umgebung. Autonomie und Einflussmöglichkeiten gelten als wesentliche Voraussetzungen für Zufriedenheit (Rohde et al. 2020; Hanc et al. 2019). Sind soziale oder physische Rahmenbedingungen zu starr und erlauben keine Anpassung, kann dies Unzufriedenheit hervorrufen (Shin 2016). In Folge dieser Unzufriedenheit können vier verschiedene Verhaltensweisen auftreten: Umweltanpassungen, Verhaltensanpassungen, normative Anpassungen oder Rückzug. Umweltanpassungen sind jedoch nicht immer möglich, und ein Rückzug kann unter bestimmten Umständen unangemessen sein. Dies bedeutet, dass die Exposition gegenüber vielen alltäglichen Reizen häufig mit einem Mangel an Kontrolle verbunden ist. Evolutionsbiologisch kann so eine Kette hormoneller Reaktionen ausgelöst werden, die in einer Kampf-oder-Flucht-Reaktion mündt (Ortiz et al. 2017). Dies stellt eine große Herausforderung für soziale Erwartungen und Verhaltensanpassungen dar und kann zu reduziertem Komfort oder eingeschränkter Aktivität führen. Im schlimmsten Fall kann es zu chronischem Stress kommen, wenn alle vier Reaktionsweisen versagen. Daher ist die Fähigkeit zur Steuerung – sei es wahrgenommene oder tatsächliche Kontrolle – von entscheidender Bedeutung. Diese Kontrolle spielt eine wichtige Rolle dabei, stressbedingte Gesundheitsprobleme zu reduzieren und die Erfahrungen von Komfort und Well-being zu verbessern (Rohde et al. 2020).

Auch im Kontext des Wellbeings zeigt sich die Bedeutung biophiler Elemente. Die Verbindung zur Natur, etwa durch Pflanzen oder Ausblicke ins Freie, kann positive emotionale und psychophysiologische Effekte hervorrufen (Chang und Chen 2005).

Darüber hianus erfordert die Betrachtung des Wellbeing eine zusätzliche zeitliche Dimension, da physisches und physiologisches Wellbeing sowohl von der aktuellen Situation als auch von der bisherigen Exposition abhängt. Darüber hinaus kann die Erwartung zukünftiger Ereignisse neuronale Mechanismen sowie das psychologische Gleichgewicht beeinflussen (Luo et al. 2017).

Zusammenfassend erfordert die Dimension des Wellbeing Umgebungen, die mentale Resilienz fördern, Erholung ermöglichen, Variabilität zulassen, Kontrollmöglichkeiten bieten und positive Reize schaffen (Rohde et al. 2020). Die Integration von Wellbeing bedeutet daher keinen Ersatz bestehender Komfort- oder Gesundheitsanforderungen. Vielmehr erweitert sie diese um eine explizit positiv definierte Dimension.

Kategorien

Ein ganzheitlicher Ansatz zur Beschreibung der Dimensionen des Human-centered Design wird in der Literatur bereits von Hanc et al. (2019) vorgeschlagen. Die dort entwickelte Kategorisierung deckt sich in zentralen Punkten mit den Ergebnissen der eigenen Literaturrecherche und den darin identifizierten Dimensionen Komfort, Gesundheit und Wellbeing. Die Dimension des Komforts und ihre einzelnen Aspekte werden in der Kategorie Environmental Quality, Satisfaction and/or Comfort zusammengefasst. Die Dimension der Gesundheit wird differenzierter betrachtet und in Physical Health und Mental Health unterteilt. Das Wellbeing wird aus psychologischer, sozialer und ökonomischer Perspektive betrachtet und umfasst die Kategorien Hedonic or Subjective Wellbeing, Eudaimonic Wellbeing, Social Wellbeing sowie Productivity and Cognitive Performance.

Im Folgenden werden die einzelnen Kategorien bewusst nicht ausführlich wissenschaftlich analysiert, sondern in kompakter Form beschrieben. Diese Kurzbeschreibungen basieren auf den im Rahmen des UX-Designs des Septopus-Tools entwickelten Definitionen und wurden dort für eine leichtere Zugänglichkeit des Tools formuliert. Sie eignen sich daher auch hier, um einen kurzen, aber dennoch verständlichen Einblick in die entwickelte Methodik zu geben.

Environmental Quality, Satisfaction and/or Comfort (ENV)

Die Qualität der Umgebung setzt sich im Wesentlichen aus den klassischen vier Dimensionen von olfaktorischem, thermischem, visuellem und akustischem Komfort zusammen und bestimmt somit die unmittelbare sensorische Wahrnehmung der Umgebung. Darüber hinaus wird sie durch die Gestaltung und Ausstattung des Gebäudes beeinflusst. Sie zeichnet sich durch umfangreiche Vorgaben bauphysikalischer Parameter aus und ist somit die Kategorie mit der größten direkten planerischen Beeinflussbarkeit.

Gebäudeplanung und Gestaltung Komfort Indoor Environmental Quality (IEQ)

Mental Health (MEN)

Mentale Gesundheit beschreibt den Zustand des psychischen Wohlbefindens, in dem eine Person in der Lage ist, Stress zu bewältigen, emotionale Stabilität zu wahren und den Alltag effektiv zu meistern. Sie kann auch als Zustand des inneren Gleichgewichts bezeichnet werden und zeichnet sich durch Faktoren wie kognitive und emotionale Resilienz, psychische Belastbarkeit und die Fähigkeit zur Selbstregulation aus. Ein stabiles mentales Wohlbefinden fördert die Fähigkeit, Herausforderungen zu bewältigen, erfüllte soziale Beziehungen zu pflegen und ein insgesamt ausgeglichenes Leben zu führen.

Stress Belastbarkeit psychisches Befinden Stabilität

Physical Health (PHY)

Physische Gesundheit bezeichnet einen Zustand optimaler körperlicher Funktion. Sie zeichnet sich durch körperliche Fitness und Resilienz, Mobilität, Ausdauer sowie das Fehlen von Krankheiten oder chronischen Beschwerden aus. Wichtige Einflussfaktoren sind eine ausgewogene Ernährung, regelmäßige sportliche Aktivität, Schlafqualität und präventive Gesundheitsmaßnahmen. Ein stabiler körperlicher Zustand steigert das Energieniveau, stärkt das Immunsystem und unterstützt sowohl das mentale als auch das emotionale Wohlbefinden, wodurch ein ausgeglichenes und gesundes Leben gefördert wird.

Krankheit Fragilität Mobilität Sicherheit

Hedonic Wellbeing (HED)

Hedonisches Wellbeing beschreibt subjektive Erlebnisse, die mit einer Maximierung von Freude und Genuss sowie einer Minimierung von Leid und Unbehagen verbunden sind. Es umfasst positive Emotionen wie Glück, Zufriedenheit und Vergnügen sowie das Streben nach unmittelbarem Wohlbefinden. Die daraus resultierenden phänomenologischen Erfahrungen beinhalten Momente der Freude, Entspannung und Lebenslust.

Glück Affekt Zufriedenheit Beeinträchtigung

Eudaimonic Wellbeing (EUD)

Eudaimonisches Wellbeing beschreibt subjektive Erlebnisse, die mit Eudaimonia verbunden sind – einem tugendhaften Leben im Streben nach persönlicher Exzellenz. Die daraus resultierenden phänomenologischen Erfahrungen umfassen Selbstverwirklichung, persönliche Entfaltung und Lebensfreude.

Persönliches Wachstum Motivation Kontrolle Selbstverwirklichung Autonomie

Social Wellbeing (SOC)

Soziales Wohlbefinden beschreibt die Qualität der sozialen Beziehungen und Interaktionen eines Menschen innerhalb seines Umfelds. Es umfasst ein Gefühl der Zugehörigkeit, soziale Unterstützung und bedeutsame Verbindungen, die maßgeblich zur Lebenszufriedenheit beitragen. Wichtige Aspekte sind zwischenmenschliche Beziehungen, aktive Teilhabe an der Gemeinschaft und sozialer Zusammenhalt, die ein Gefühl von Verbundenheit und Sicherheit stärken.

Beteiligung Interaktion Kommunikation Inklusion

Productivity and Cognitive Performance (PRO)

Produktivität und kognitive Leistungsfähigkeit beziehen sich auf die Fähigkeit, Aufgaben fokussiert, effizient und lösungsorientiert zu bewältigen, wobei mentale Prozesse wie Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Problemlösung eine entscheidende Rolle spielen. Sie werden maßgeblich durch Arbeitsumgebung, Stressmanagement, Schlafqualität und Ernährung beeinflusst. Eine hohe kognitive Leistungsfähigkeit steigert die Produktivität, verbessert Entscheidungsfindung und Kreativität und trägt zu einer effektiven Bewältigung komplexer Herausforderungen bei.

Konzentration kognitive Leistungsfähigkeit Lernfähigkeit

Literatur

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