Tageslicht
Why it matters?
STATUS QUO:
In der Architektur wird Tageslicht seit jeher als zentrales Gestaltungselement für Raumwirkung, Atmosphäre und Stimmung verstanden. In bauphysikalischen und gebäudetechnischen Betrachtungen hingegen wird es häufig auf funktionale und energetische Aspekte reduziert.
Neuere Forschung zeigt jedoch, dass Licht weit darüber hinaus wirkt und circadiane Rhythmen, hormonelle Prozesse und das Wohlbefinden sowie die kognitive Leistungsfähigkeit beeinflusst.
PROBLEM:
Diese erweiterte Bedeutung von Licht ist in der Planung bislang nur unzureichend abgebildet. Vor allem für nicht-visuelle Lichtwirkungen fehlen etablierte planerische Übersetzungen.
-> große Diskrepanz von wissenschaftlicher Erkenntnis und baupraktischer Anwendung
Tageslicht steht in komplexen Zielkonflikten mit anderen Aspekten der Planung, die wie im Falle des sommerlichen Wärmeschutzes normativ und gesetzlich vorrangig berücksichtigt werden
-> Tageslicht wird in der Praxis häufig als erstes reduziert oder vernachlässigt
LÖSUNG:
Tageslicht wird als integraler Bestandteil einer Planung im Sinne des Human-centered Design verstanden.
-> Statt einzelne Faktoren isoliert zu optimieren muss Tageslicht als Teil eines ganzheitlichen Planungsprozesses betrachtet und bewertet werden
Verringerte Verzögerung bei der Operationalisierung wissenschaftlicher Erkenntnisse in bauplanerische Prozesse.
ANSATZ:
Die Arbeit verbindet naturwissenschaftliche Erkenntnisse zu visuellen und nicht-visuellen Lichtwirkungen mit Fragen der architektonischen und technischen Planung.
Tageslicht wird zur Schnittstelle zwischen Biologie und Bauphysik sowie zwischen Gestaltung und Gebäudetechnik.
METHODIK:
Grundlage ist eine systematische Auswertung von Forschung, Normen und anderer planungsrelevanter Bewertungsansätze. Darauf aufbauend werden Wirkungspfade, Unterschiede zwischen Tages- und Kunstlicht, Anforderungen an Ausblick sowie zentrale Zielkonflikte der Planung eingeordnet.
Tageslicht
Die folgende Auseinandersetzung mit Tageslicht und Lichtwirkungen entstand im Rahmen meiner Masterarbeit als Teilbereich des Human-centered Design und macht dessen grundlegenden Charakter besonders anschaulich. Eine umfassende Betrachtung des Lichts verbindet Erkenntnisse aus Biologie und Neurowissenschaften mit Fragen der architektonischen Gestaltung und der technischen Gebäudeplanung. Licht steht damit exemplarisch für die Herausforderung, unterschiedliche disziplinäre Perspektiven zusammenzuführen und im Sinne einer ganzheitlichen Planung auf die menschliche Erfahrung im Gebäude zu beziehen.
Einordnung
Tageslicht und Lichtwirkungen sind heute Gegenstand intensiver Grundlagenforschung in Biologie, Chronobiologie und Neurowissenschaften. Insbesondere in den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich das Verständnis der nicht-visuellen Wirkungen von Licht erheblich erweitert. Licht wird damit nicht mehr ausschließlich als Voraussetzung für das Sehen verstanden, sondern zunehmend als ein zentraler Umweltfaktor, der circadiane Rhythmen, hormonelle Prozesse, kognitive Leistungsfähigkeit und das allgemeine Wohlbefinden beeinflusst.
Die Übertragung dieser naturwissenschaftlichen Erkenntnisse in die Planungspraxis gestaltet sich jedoch schwierig. Die zugrunde liegenden biologischen Mechanismen sind komplex, dynamisch und stark kontextabhängig. Eine direkte Operationalisierung einzelner Wirkmechanismen in konkrete Planungsparameter ist daher nur begrenzt möglich und für die Planungspraxis häufig auch nicht zielführend. Dennoch tragen diese Erkenntnisse wesentlich dazu bei, die Rolle von Tageslicht im Gebäude neu einzuordnen. Sie verdeutlichen, dass Licht nicht nur eine technische Randbedingung der Gebäudeplanung darstellt, sondern einen zentralen Bestandteil der menschlichen Erfahrung im Innenraum bildet.
Damit bewegt sich die Planung von Tageslicht in einem Spannungsfeld unterschiedlicher technischer und sozioökonomischer Anforderungen. Während Tageslicht Komfort, Gesundheit und Produktivität fördern kann, entstehen gleichzeitig Wechselwirkungen mit anderen Zielgrößen der Gebäudeplanung, etwa hinsichtlich thermischer Lasten, Blendungsschutz oder energetischer Performance. Die planerische Herausforderung besteht daher darin, diese Zielkonflikte integrativ zu betrachten und Licht als Teil eines ganzheitlichen Planungsansatzes zu verstehen. Vor diesem Hintergrund gewinnt die bewusste Integration von Tageslicht in der Gebäudeplanung zunehmend an Bedeutung. Im Sinne eines Human-centered Design geht es dabei nicht um die isolierte Maximierung einzelner Faktoren, sondern um eine ausgewogene Abwägung zwischen Komfort, Produktivität, energetischer Performance und Wirtschaftlichkeit über den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes.
Wirkung von Licht
Zur systematischen Einordnung der Lichtwirkung lässt sich die Beziehung zwischen dem physikalischen Lichtreiz und den daraus resultierenden menschlichen Reaktionen als mehrstufiger Prozess verstehen. Ausgangspunkt ist die Umgebungsbeleuchtung, die über das Auge in das visuelle System gelangt und dort verarbeitet wird. Der Lichtreiz selbst wird durch vier grundlegende Parameter charakterisiert: das Temporal Pattern, das Zeitpunkt und Dauer der Exposition beschreibt, das Spatial Pattern als räumliche Verteilung des Lichts im dreidimensionalen Lichtfeld, das Light Spectrum als spektrale Zusammensetzung und damit als Bestimmungsgröße der Farbeigenschaften sowie das Light Level als Maß für die Lichtmenge. Diese Faktoren bestimmen gemeinsam die biologische Potenz des Light Stimulus (Houser und Esposito 2021).
Abbildung 01: Schematische Darstellung der Lichtwirkung
Quelle: Eigene Darstellung nach Houser und Esposito 2021
Die weitere Verarbeitung erfolgt über zwei funktional unterschiedliche, jedoch miteinander verknüpfte Signalwege: den visuellen und den nicht-visuellen Pfad. Während der visuelle Pfad primär für Sehen, visuelle Leistungsfähigkeit und visuelles Erleben verantwortlich ist, steuert der nicht-visuelle Pfad circadiane, neuroendokrine und neuroverhaltensbezogene Prozesse. Beide Systeme wirken parallel und beeinflussen sich gegenseitig, sodass die resultierende Lichtwirkung stets als Gesamtreaktion des Organismus zu verstehen ist (Houser und Esposito 2021).
Für ein besseres Verständnis der zugrunde liegenden Wirkmechanismen werden die beiden Signalwege im Folgenden jedoch getrennt betrachtet. Während Ansätze zur Planung der visuellen Lichtwirkungen bereits im Kontext von Tageslicht- oder Beleuchtungsplanungen in der Praxis umgesetzt werden, existieren für nicht-visuelle Lichtwirkungen bislang kaum etablierte planerische Ansätze. Eine differenzierte Betrachtung beider Pfade ist daher notwendig, um ihre jeweilige Bedeutung für die Gestaltung von Gebäuden und Innenräumen einordnen zu können.
Visuelle Lichtwirkung
Die visuelle Reaktion beschreibt die Antwort von Auge und Gehirn auf Lichtreize, die das Sehen ermöglicht und zur visuellen Leistung, zum visuellen Erlebnis einschließlich emotionaler Komponenten sowie zum visuellen Komfort oder Unbehagen beiträgt. Sowohl visuelle als auch nicht-visuelle Reaktionen werden durch Photorezeptoren in der Retina gesteuert, die Signale an das Gehirn weiterleiten. Die visuelle Wahrnehmung beruht hauptsächlich auf Stäbchen (skotopisches Sehen) und Zapfen (photopisches Sehen) (Houser et al. 2021).
Da der Sehsinn beim Menschen besonders stark ausgeprägt ist, besteht eine hohe Abhängigkeit von qualitativ hochwertigem Licht. Die visuelle Leistung – verstanden als Geschwindigkeit und Genauigkeit der Verarbeitung visueller Informationen – wird maßgeblich von den Lichtbedingungen beeinflusst. Tageslicht stellt hierbei eine besonders geeignete Lichtquelle dar. Es ist flimmerfrei und weist eine kontinuierliche spektrale Leistungsverteilung auf, die den gesamten sichtbaren Bereich abdeckt. Die hohe Beleuchtungsstärke ermöglicht die Wahrnehmung feiner Details und unterstützt die Sehschärfe. Gleichzeitig ist sowohl bei Tageslicht als auch bei künstlicher Beleuchtung eine Kontrolle von Blendung erforderlich, um visuellen Komfort sicherzustellen. Die spektrale Zusammensetzung des Tageslichts gewährleistet eine sehr gute Farbwiedergabe und erlaubt eine differenzierte Farbwahrnehmung. Zudem kann die gerichtete Lichtführung Schatten erzeugen, die bei dreidimensionalen Aufgaben die Detailerkennung unterstützen (Knoop et al. 2020).
Normative Vorgaben und Empfehlungen für Tageslicht werden in der DIN EN 17037 bereitgestellt. Der Anteil der Tageslichtstunden kann auch als Tageslichtautonomie bezeichnet werden und wird normativ mit 50 % angegeben. Die Bezugsebene für die Bewertung dieser Vorgaben befindet sich, sofern nicht anders festgelegt, auf einer Höhe von 0,85 m und entspricht damit der durchschnittlichen Arbeitsebene bei überwiegend sitzenden Tätigkeiten (DIN EN 17037:2022-05).
Tabelle 01: Normative Empfehlungen für die Tageslichtversorgung
Quelle: DIN EN 17037:2022-05
| Empfehlungsstufe | Ziel-Beleuchtungsstärke ET |
Raumanteil für den Zielwert Fplane,% |
Mindestziel-Beleuchtungsstärke ETM |
Raumanteil für den Mindestzielwert Fplane,% |
Anteil an Tageslichtstunden Ftime,% |
|---|---|---|---|---|---|
| Gering | 300 lx | 50 % | 100 lx | 95 % | 50 % |
| Mittel | 500 lx | 50 % | 300 lx | 95 % | 50 % |
| Hoch | 750 lx | 50 % | 500 lx | 95 % | 50 % |
Die Arbeitsstättenrichtlinie ASR A3.4 legt Anforderungen an die Beleuchtung von Arbeitsstätten in Deutschland fest und fordert dabei einen Tageslichtquotienten von mindestens 2%. Sie verweist dabei explizit auf den Vorzug von Tageslicht und begründet diese durch dessen Gütemerkmale (z. B. Dynamik, Farbe, Richtung und Menge des Lichts) die in ihrer Gesamtheit nicht von künstlicher Beleuchtung zu erreichen sind (ASR A3.4:2023-05).
Nicht-visuelle Lichtwirkung
Die Erforschung der nicht-visuellen Lichtwirkungen, insbesondere im Bereich der Chronobiologie, erlebte durch die Entdeckung der intrinsisch photosensitiven retinalen Ganglienzellen (ipRGC) einen entscheidenden Durchbruch (Brainard et al. 2001; Thapan et al. 2001; Berson et al. 2002). Diese Zellen sind maßgeblich an der Vermittlung nicht-visueller Lichtreaktionen beteiligt (Hattar et al. 2002; Berson et al. 2002). Sie integrieren ihre eigene intrinsische Lichtempfindlichkeit mit Signalen von Stäbchen und Zapfen und fungieren damit als Schnittstelle zwischen visueller und nicht-visueller Verarbeitung (Dacey et al. 2005). Obwohl das Zusammenspiel dieser Signalwege in den verschiedenen Untergruppen der ipRGC noch nicht vollständig verstanden ist (Mure et al. 2019), gilt als gesichert, dass alle Photorezeptoren sowohl zu visuellen als auch zu nicht-visuellen Reaktionen beitragen (Houser et al. 2021).
Nicht-visuelle Lichtwirkungen werden häufig als nicht-bildgebende (non-image forming) Effekte beschrieben und umfassen insbesondere circadiane, neuroendokrine und neuroverhaltensbezogene Prozesse. Circadiane Reaktionen steuern interne biologische Rhythmen wie den Schlaf-Wach-Zyklus. Neuroendokrine Prozesse betreffen die hormonelle Regulation, beispielsweise die Produktion und Suppression von Melatonin. Neuroverhaltensbezogene Reaktionen beschreiben Zusammenhänge zwischen neuronaler Aktivität und Verhalten, etwa in Bezug auf Aufmerksamkeit, Stimmung und Leistungsfähigkeit (Houser et al. 2021).
Die ipRGC weisen eine besonders hohe Empfindlichkeit im kurzwelligen Bereich des sichtbaren Spektrums auf, mit einem Maximum im Bereich um 490 nm (Lockley et al. 2006). Vor diesem Hintergrund ist es mittlerweile gut belegt, dass nächtliche Exposition gegenüber blau angereichertem Licht die Melatoninproduktion unterdrücken und damit den Schlaf-Wach-Rhythmus stören kann (Cajochen et al. 2010). Daraus ergibt sich die grundlegende Erkenntnis, dass Licht nicht nur als visuelles Signal, sondern als zentraler Zeitgeber für biologische Prozesse wirkt. Beleuchtungsszenarien, die dem natürlichen Wechsel von hellen Tagen und dunklen Nächten entsprechen, bieten daher besonders günstige Bedingungen für die menschliche Physiologie. Darüber hinaus wird diskutiert, dass auch die dynamischen spektralen Veränderungen bei Sonnenauf- und -untergang eine biologische Relevanz besitzen könnten (Walmsley et al. 2015).
Für den Aufenthalt in Gebäuden bedeutet dies, dass eine angemessene circadiane Stimulation am zuverlässigsten durch die Nutzung von Tageslicht erreicht werden kann (Altomonte et al. 2020). Gleichzeitig sind individuelle Unterschiede zu berücksichtigen, da Alter und Gesundheitszustand die Sensitivität der Photorezeption sowie die Ausprägung circadianer Rhythmen beeinflussen können (Hood und Amir 2017).
Die Auswirkungen von Tageslicht wurden in zahlreichen Studien im Kontext von Gebäuden untersucht. So konnte gezeigt werden, dass Tageslicht und Ausblick die kognitive Leistungsfähigkeit sowie die Zufriedenheit mit der räumlichen Umgebung verbessern können (Jamrozik et al. 2019). Darüber hinaus bestehen Zusammenhänge zwischen Tageslicht und thermischem Komfort. Dabei wurde sowohl ein Einfluss der Lichtintensität auf das thermische Empfinden festgestellt als auch eine Variation der Wahrnehmung in Abhängigkeit von der Tageszeit (Chinazzo et al. 2019; Vellei et al. 2023).
Die nicht-visuellen Lichtwirkungen unterliegen einer deutlichen Altersabhängigkeit, die insbesondere auf prärezeptorale Veränderungen des Auges zurückzuführen ist. Mit zunehmendem Alter kommt es zu einer Vergilbung der Augenlinse, wodurch kurzwellige Anteile des Lichts stärker absorbiert werden. Gleichzeitig nimmt die Pupillenweite ab (senile Miosis), was die insgesamt einfallende Lichtmenge reduziert (CIE S 026/E:2018 und DIN TS 5031-100).
Da die nicht-visuellen Lichtwirkungen maßgeblich durch kurzwellige Strahlung im Bereich der melanopischen Sensitivität vermittelt werden, führen beide Effekte zu einer verminderten circadianen Stimulation. Ältere Menschen benötigen daher häufig höhere Beleuchtungsstärken oder angepasste spektrale Zusammensetzungen, um vergleichbare biologische Wirkungen wie jüngere Personen zu erreichen. Dieser Zusammenhang unterstreicht die Wichtigkeit einer altersangepassten Planung von Gebäuden.
Insgesamt wird deutlich, dass Licht – und insbesondere Tageslicht – eine zentrale Rolle für physiologische Prozesse, Verhalten und Wohlbefinden spielt. Damit wird es zu einem wesentlichen Faktor in der Gestaltung von Gebäuden, der im Kontext ganzheitlicher Planungsansätze systematisch berücksichtigt werden muss.
Tageslicht vs. Kunstlicht
Nachdem sowohl visuelle als auch nicht-visuelle Lichtwirkungen betrachtet wurden, stellt sich die Frage, wie sich unterschiedliche Lichtquellen in Bezug auf diese beiden Wirkungsebenen unterscheiden. Besonders deutlich wird dies im Vergleich zwischen natürlichem Tageslicht und künstlicher Beleuchtung.
Tageslicht ist die umfassende Kombination der leuchtenden Eigenschaften von Sonnenlicht aus direkter Solarstrahlung und diffusem Himmelslicht. Im Gegensatz zur elektrischen Beleuchtung ist Tageslicht äußerst dynamisch und unterliegt Schwankungen im Tages- und Jahresverlauf sowie situativen Veränderungen durch unterschiedliche Wetterbedingungen hinsichtlich Intensität, Farbe, Streuung und Richtung. Die Tageslichtnutzung beschreibt die Beleuchtung von Innenräumen durch natürliches Licht, das über Öffnungen in der Fassade in das Gebäude gelangt (Knoop et al. 2020).
Die Präferenz von Tageslicht gegenüber künstlicher Beleuchtung ist lange bekannt und durch zahlreiche Studien belegt (u.a. Collins 1976; Veitch und Gifford 1996; Galasiu und Veitch 2006). Diese Bevorzugung basiert nicht allein auf unmittelbaren physischen Reizen, sondern auch auf Erfahrungen, die eng mit kontextbezogenem Wissen und insbesondere mit dem Ausblick verknüpft sind (Knoop et al. 2020). Darüber hinaus zeigen viele Untersuchungen die hohe Bedeutung von Tageslicht für Komfort, Gesundheit und Wellbeing (Aries et al. 2015; Beute und Kort 2014).
Elektrische Beleuchtung ist demgegenüber eine steuerbare künstliche Lichtquelle, deren Entwicklung eng mit wissenschaftlichem und technologischem Fortschritt verbunden ist. Sie ist vergleichsweise einfach zu erforschen und gezielt zu gestalten. Tageslicht hingegen ist als natürliche Quelle nur begrenzt kontrollierbar. Seine täglichen, saisonalen und jährlichen Schwankungen führen – abhängig vom Standort und den jeweiligen Wetterbedingungen – zu unterschiedlichen Lichtverhältnissen. Aufgrund dieser geografischen Unterschiede kann die angemessene Nutzung von Tageslicht von einer gezielten Exposition gegenüber Sonnen- und Himmelslicht bis hin zur vollständigen Abschirmung direkter Solarstrahlung reichen.
Zudem hängt die Gestaltung von Tageslichtöffnungen in der Gebäudehülle von der Funktion des Innenraums sowie von Anforderungen der Nutzer an Privatsphäre, Aussicht, Blendungsschutz und Kontrolle der solaren Wärmeaufnahme ab (Knoop et al. 2020). Ergänzend treten intersubjektive Differenzen in der Wahrnehmung von Tageslicht auf (Pierson et al. 2018). Insgesamt ergibt sich somit ein komplexes Geflecht aus individuellen, physiologischen, kulturellen, geografischen und saisonalen Faktoren, das dem Wunsch nach Tageslicht zugrunde liegt.
Diese Präferenz für Tageslicht lässt sich nicht nur psychologisch, sondern auch physiologisch begründen. Die Wirkung von Licht ist dabei nicht allein von der Beleuchtungsstärke abhängig, sondern maßgeblich von der spektralen Zusammensetzung und deren Überlappung mit den Sensitivitätsfunktionen der Photorezeptoren. Dadurch ergeben sich Ansätze, Lichtwirkungen nicht nur qualitativ, sondern auch quantitativ zu beschreiben, insbesondere im Hinblick auf die nicht-visuellen Effekte.
Die Unterschiede in der biologischen Wirksamkeit von Licht lassen sich wesentlich auf die jeweilige spektrale Zusammensetzung der Lichtquellen zurückführen. In der nachfolgenden Abbildung ist das Normtageslicht D65 den Spektren typischer LED-Lichtquellen gegenübergestellt, wobei die spektralen Verteilungen zur besseren Vergleichbarkeit normiert dargestellt sind. Während Tageslicht ein kontinuierliches Spektrum über den gesamten sichtbaren Bereich mit hoher Energie im kurzwelligen Bereich aufweist, zeigen LED-Spektren eine technisch bedingte, diskrete Verteilung mit einem ausgeprägten Peak im blauen Bereich und reduzierter Energie im Bereich der maximalen melanopischen Sensitivität.
Abbildung 02: Normierte spektrale Bestrahlungsstärke
Quelle: Eigene Darstellung nach CIE S 026/E:2018 und DIN TS 5031-100
Den spektralen Verteilungen der Lichtquellen lassen sich die Sensitivitätsfunktionen der Photorezeptoren gegenüberstellen. Diese sogenannten Wirkungsfunktionen (action spectra) beschreiben die Empfindlichkeit der einzelnen Rezeptoren in Abhängigkeit von der Wellenlänge des einfallenden Lichts. Neben den für das Sehen relevanten Zapfen (S, M, L) und Stäbchen spielt insbesondere das Melanopsin der ipRGC eine zentrale Rolle für die nicht-visuelle Lichtwirkung. Für die Bewertung in der Planungspraxis wird daher häufig eine Reduktion auf die melanopische Wirkung vorgenommen, da diese die nicht-visuellen Effekte des Lichts maßgeblich bestimmt (DIN/TS 5031-100:2021-11).
Abbildung 03: Relative spektrale Sensitivitätsfunktionen (-opic action spectra) der Photorezeptoren
Quelle: Eigene Darstellung nach CIE S 026/E:2018
Durch die Überlagerung der spektralen Verteilungen der Lichtquellen mit den jeweiligen Sensitivitätsfunktionen lässt sich die biologische Wirksamkeit des Lichts spektral differenziert beschreiben. Dabei wird der Beitrag jeder Wellenlänge entsprechend seiner Wirksamkeit für die ipRGC gewichtet. Die resultierenden Verteilungen stellen somit keine reinen Spektren mehr dar, sondern die melanopisch gewichteten Anteile des Lichtspektrums. Die Fläche unter den jeweiligen Kurven entspricht dem Integral
\[ \tilde{E}_{e,\mathrm{\alpha}} = \int \tilde{E}_{\mathrm{e,\lambda}}(\lambda)\cdot s_{\mathrm{\alpha}}(\lambda)\, d\lambda \]
und bildet die Grundlage für die quantitative Bewertung der melanopischen Wirksamkeit einer Lichtquelle. Gleichzeitig macht die Form der gewichteten Spektren sichtbar, in welchen Wellenlängenbereichen die biologische Wirkung entsteht und warum sich Unterschiede in der spektralen Zusammensetzung direkt in unterschiedliche Gesamtwirkungen übersetzen.
Abbildung 04: Normierte melanopisch gewichtete spektrale Bestrahlungsstärke von Tageslicht (D65) und typischen LED-Lichtquellen
Quelle: Eigene Darstellung nach CIE S 026/E:2018 und DIN TS 5031-100
Tageslicht weist dabei aufgrund seiner kontinuierlichen spektralen Verteilung und der hohen Überlappung mit der melanopischen Sensitivitätsfunktion eine höhere biologische Wirksamkeit pro visueller Beleuchtungsstärke auf als typische künstliche Lichtquellen.
Neben diesen vorteilhaften Eigenschaften für die visuelle und nicht-visuelle Lichtwirkung bietet eine hohe Nutzung von Tageslicht zudem ein erhebliches Potenzial zur Reduktion des Energiebedarfs für künstliche Beleuchtung. Diese Einsparpotenziale stehen jedoch im Spannungsfeld möglicher Reboundeffekte, da größere Verglasungsanteile zu einer erhöhten solaren Wärmeeinstrahlung führen und damit zusätzliche Anforderungen an Kühlung, Verschattung und Regelungssysteme nach sich ziehen können. Die energetische Bewertung von Tageslichtnutzung erfordert daher eine integrative Betrachtung, die sowohl energetische Einsparpotenziale als auch daraus resultierende Wechselwirkungen im Gesamtsystem des Gebäudes berücksichtigt.
Ausblick
Fenster und Fassaden übernehmen weit mehr als nur die Belichtung von Innenräumen – sie schaffen eine visuelle Verbindung zur Umwelt, die es ermöglicht, Veränderungen in dieser wahrzunehmen (Ko et al. 2022). Von besonderer Bedeutung sind dabei kontextbezogene Informationen wie Ort, Tageszeit, Wetter, Natur und menschliche Aktivitäten (DIN EN 17037:2022-05). Der Einfluss solcher Ausblicke auf den Menschen reicht von physiologischen und psychologischen Wirkungen bis hin zu vielfältigen positiven Effekten auf Gesundheit und Wellbeing (u.a. Beute und Kort 2014), auf die kognitive Leistungsfähigkeit (Jamrozik et al. 2019; Ko et al. 2020), auf die Reduktion von Stress und Unbehagen (Aries et al. 2010; Benfield et al. 2015) sowie auf das emotionale Befinden (Ko et al. 2020).
Darüber hinaus kann der Aspekt des Ausblicks auch für die Augengesundheit relevant sein. Sehen zählt zu den komplexesten und energieintensivsten Funktionen des menschlichen Körpers. Es wird daher empfohlen bei Tätigkeiten im Nahbereich – etwa beim Blick auf Smartphones, Computerbildschirme oder beim Lesen –, die Augen alle 20 Minuten durch einen Blick in eine Entfernung von mindestens sechs Metern zu entlasten. So kann sich die Augenmuskulatur entspannen und die Befeuchtung des Auges besser aufrechterhalten werden. Ein qualitativ ansprechender Ausblick bietet hierfür nicht nur die notwendige Distanz, sondern auch die Motivation, diese Pausen tatsächlich einzulegen (Altomonte et al. 2020). In einer weiteren Untersuchung zeigte sich ein Zusammenhang zwischen Ausblicken und verbessertem Schlaf bei Büroangestellten, was sich wiederum positiv auf Gesundheit und kognitive Leistungsfähigkeit auswirken kann (Boubekri et al. 2014). Dies könnte durch die Erkenntnis, dass attraktive Ausblicke die circadiane Stimulation deutlich erhöhen können (Aries et al. 2015), erklärt werden.
Die Vielzahl der nachgewiesenen Vorteile unterstreicht die Bedeutung des Ausblicks für die Planung von Fassaden und Gebäuden. Hierzu lassen sich drei wesentliche Faktoren defineiren: den Inhalt der Aussicht, den Zugang zum Ausblick und die Klarheit des Ausblicks (Ko et al. (2022). Der Inhalt der Aussicht umfasst die Gesamtheit der visuellen Eindrücke im Blickfeld, darunter Natur, bebaute Umgebung und Himmel. Dieser Ansatz steht im Einklang mit den drei Sichtebenen der DIN EN 17037 – Boden, Umgebung und Himmel (DIN EN 17037:2022-05). Sind alle drei Ebenen sichtbar, können sämtliche relevanten Umweltveränderungen wahrgenommen werden. Der Zugang zum Ausblick beschreibt, welche Sichtbeziehungen den Nutzenden von einer bestimmten Position im Raum – beispielsweise einem Arbeitsplatz – zur Verfügung stehen. Er wird maßgeblich durch die geometrische Beziehung zwischen Nutzer und Fensterfläche bestimmt. Die Klarheit des Ausblicks bezieht sich darauf, wie deutlich der Inhalt der Aussicht wahrgenommen werden kann. Sie hängt sowohl vom gestalterischen Konzept als auch von den Eigenschaften der Verglasungen (Farbwiedergabeindex Ra) und Sonnenschutzsystemen ab, die die visuelle Qualität des Ausblicks beeinflussen können (Ko et al. 2022).
Ein weiterer wesentlicher Aspekt bei der Planung von Ausblicken durch Öffnungen in der opaken Gebäudehülle besteht in der Wahrung der Privatsphäre. Der Ausblick nach außen ermöglicht zugleich potenzielle Einblicke in das Gebäudeinnere und damit auch in die Privatsphäre der Nutzenden. Eine als unangenehm empfundene Exposition kann dann wiederum zu einer Beeinträchtigung des Komforts und Wohlbefinden führen (Rohde et al. 2020).
Die normative Bewertung des Ausblicks erfolgt in Deutschland primär über die DIN EN 17037, die mit dem No-Sky- bzw. No-Ground-Line-Verfahren sowohl den Inhalt als auch den Zugang zum Ausblick quantifizierbar macht. Ergänzend formuliert die Arbeitsstättenrichtlinie ASR A3.4 neben geometrischen Mindestanforderungen auch qualitative Vorgaben zur Klarheit des Ausblicks (ASR A3.4:2023-05). Die DGNB verweist in ihrem Zertifizierungssystem im Wesentlichen auf die Systematik der DIN EN 17037 und ergänzt diese lediglich in wenigen Nutzungsprofilen um spezifische Anforderungen (DGNB 2023).
Tabelle 02: Normative Beurteilung der Aussicht von einem bestimmten Bezugspunkt aus
Quelle: DIN EN 17037:2022-05
| Empfehlungsstufe | Horizontaler Blickwinkel | Sichtweite | Anzahl sichtbarer Ebenen: |
|---|---|---|---|
| Gering | ≥ 14° | ≥ 6,00 m | Min. Landschaft |
| Mittel | ≥ 28° | ≥ 20,00 m | Landschaft UND Boden ODER Himmel |
| Hoch | ≥ 54° | ≥ 50,00 m | Boden UND Landschaft UND Himmel |
Zielkonflikte
Während sich einzelne Einflussgrößen ohne Gegenspieler häufig durch die Annäherung an Extremwerte optimieren lassen, kippt diese Logik, sobald mehrere Zielgrößen gleichzeitig betrachtet werden. Es entstehen Zielkonflikte, die insbesondere im Kontext des Human-centered Design zwischen architektonischer Gestaltung, energetischer Performance, technischer Umsetzung und Nutzerkomfort deutlich hervortreten. Diese lassen sich in der Planungspraxis selten eindeutig auflösen, sondern erfordern eine integrative und kontextabhängige Abwägung. Zielkonflikte sind dabei nicht zwingend Planungsfehler, sondern vielmehr Ausdruck der inhärenten Komplexität des Systems.
Ein grundlegender Zielkonflikt ergibt sich bereits in der Geometrie von Fassaden und der Anordnung von Fensteröffnungen. Für eine effektive Tageslichtversorgung ist eine möglichst hohe Positionierung der Fenster – idealerweise mit deckennaher Sturzkante – vorteilhaft, da so eine tiefere Durchdringung des Gebäudeinneren mit Tageslicht erreicht werden kann. Dem gegenüber stehen die Anforderungen an einen qualitativ hochwertigen Ausblick, der sich in der Regel an der Augenhöhe der Nutzenden orientiert. Die Bewertung dieses Zielkonflikts ist stark nutzungsabhängig und unterscheidet sich insbesondere zwischen überwiegend sitzenden und stehenden Tätigkeiten. Eine allgemeingültige Lösung lässt sich daher nicht formulieren, da stets projektspezifische Abwägungen erforderlich sind.
Neben der geometrischen Anordnung ist insbesondere der Anteil der Fensterfläche eine zentrale Einflussgröße in der Planung, da er sich auf nahezu alle relevanten energetischen, technischen und komfortbezogenen Aspekte auswirkt. Für ein besseres Verständnis der daraus resultierenden Zielkonflikte bietet sich eine differenzierte Betrachtung der Auswirkungen im Winter (Heizfall) und im Sommer (Kühlfall) an.
Im Sommer wird der Zielkonflikt zwischen Tageslichtnutzung und thermischem Komfort besonders deutlich. Große Verglasungsanteile ermöglichen zwar eine hohe Tageslichtverfügbarkeit, führen jedoch gleichzeitig zu erhöhten solaren Wärmeeinträgen und damit zu einer steigenden Überhitzungsgefahr. Der sommerliche Wärmeschutz stellt daher den klassischen Gegenspieler der Tageslichtoptimierung dar und besitzt auch normativ einen hohen Stellenwert, da er in den relevanten Regelwerken wie DIN 4108 und dem Gebäudeenergiegesetz (GEG) prioritär berücksichtigt wird.
Neben dem Anteil der Fensterflächen und deren Ausrichtung wird der solare Wärmeeintrag maßgeblich durch den Gesamtenergiedurchlassgrad der Verglasung bestimmt. Im Kontext des Human-centered Design sollte dieser jedoch nicht isoliert, sondern stets in Relation zum Lichttransmissionsgrad betrachtet werden. Das Verhältnis beider Größen wird als Selektivität bezeichnet und dient als wichtiger Bewertungsmaßstab für die gleichzeitige Optimierung von Tageslichtverfügbarkeit und sommerlichem Wärmeschutz. Dabei sind möglichst hohe Selektivitätswerte im Bereich von etwa 2 anzustreben.
Aus Sicht des thermischen Komforts führen erhöhte solare Lasten zu steigenden Innentemperaturen und können so zur Überhitzung beitragen. Dabei ist nicht nur die Lufttemperatur, sondern insbesondere die operative Temperatur infolge erwärmter Oberflächen maßgeblich. Wenn passive Maßnahmen der Gebäudekühlung nicht mehr ausreichen und aktive Kühlsysteme erforderlich werden, verschieben sich die Zielkonflikte zunehmend von der bauphysikalischen auf eine energetische und systemische Ebene.
Die durch solare Gewinne verursachten Kühllasten fallen zeitlich häufig mit einer hohen solaren Einstrahlung zusammen, die gleichzeitig zu einer erhöhten Stromproduktion aus Photovoltaikanlagen führt. Daraus ergeben sich potenzielle Synergien innerhalb des Gebäudesystems: Der anfallende Kühlbedarf kann so direkt durch vor Ort erzeugten Strom gedeckt werden. Insbesondere in Situationen hoher PV-Erträge, in denen die Netzaufnahmefähigkeit begrenzt ist oder Überschüsse entstehen, bietet die direkte Nutzung im Gebäude eine sinnvolle Möglichkeit zur Optimierung des Eigenverbrauchsanteils.
Gleichzeitig zeigt sich jedoch, dass diese potenziellen Synergien die zugrunde liegenden Zielkonflikte nicht vollständig auflösen, sondern lediglich auf eine andere Ebene verschieben und somit in neue Abhängigkeiten überführen. Die erhöhte Verglasung führt weiterhin zu höheren Kühllasten und damit zu einem gesteigerten technischen Aufwand sowie zusätzlichen Energiebedarfen. Auch wenn diese teilweise regenerativ gedeckt werden können, bleiben Auswirkungen auf Systemdimensionierung, Investitionskosten und Betriebsstrategien bestehen und verschieben die Frage der Optimierung von der Gebäudehülle hin zum Gesamtsystem.
Während im Sommer die Reduktion solarer Einträge im Vordergrund steht, liegt die Herausforderung im Winter in der gezielten Nutzung dieser Gewinne bei gleichzeitiger Begrenzung der Verluste. Große Verglasungsanteile ermöglichen neben einer verbesserten Tageslichtversorgung auch solare Gewinne, die zur Reduktion des Heizwärmebedarfs beitragen können. Damit stehen sie zunächst nicht im Widerspruch zur energetischen Zielsetzung, sondern können diese unter bestimmten Randbedingungen sogar unterstützen.
Gleichzeitig weisen Verglasungen im Vergleich zu opaken Bauteilen höhere Wärmedurchgangskoeffizienten auf, was zu erhöhten Transmissionswärmeverlusten führt. Diese treten insbesondere in den Nachtstunden oder bei geringer solarer Einstrahlung auf. Die energetische Bewertung von Verglasungen ist daher stark vom zeitlichen Verlauf der solaren Gewinne und Verluste sowie von der Orientierung und Positionierung in der Fassade abhängig und lässt sich nicht isoliert über einzelne Kennwerte beschreiben.
Auch aus Sicht des thermischen Komforts ergeben sich spezifische Zielkonflikte. Niedrige Oberflächentemperaturen der Verglasung können zu Strahlungstemperaturasymmetrien führen und das thermische Empfinden negativ beeinflussen. Zudem kann es – wenn auch bei modernen Verglasungen deutlich reduziert – infolge von Kaltluftabfall entlang der Fensterflächen zu lokalen Zugerscheinungen kommen. Diese Effekte stehen im direkten Zusammenhang mit der Qualität der Verglasung sowie der geometrischen Gestaltung der Fassade.
Im Kontext moderner Energiesysteme und übergeordneter Nachhaltigkeitsziele gewinnen Maßnahmen zur regenerativen Lastgangdeckung zunehmend an Bedeutung. Im Winter wird diese Problematik jedoch durch erhöhte Verglasungsanteile tendenziell verschärft. Denn die im Sommer mögliche Synergie zwischen solaren Einträgen und Photovoltaik-Erträgen kehrt sich hier ins Gegenteil um. Tagsüber, wenn solare Gewinne und PV-Erträge vorhanden sind, reduziert sich der Heizwärmebedarf und damit auch der energetische Bedarf des Gebäudes. In den Abend- und Nachtstunden hingegen, wenn keine solaren Gewinne zur Verfügung stehen, steigt der Heizbedarf deutlich an. Die zeitliche Struktur von Energieangebot und -bedarf verläuft damit antizyklisch. Diese Entkopplung verstärkt die ohnehin im Winter bestehende Herausforderung der regenerativen Lastgangdeckung weiter und führt zu erhöhten Anforderungen an Energiesysteme, Speicher und externe Energieversorgung.
Fazit
Die beschriebenen Zielkonflikte verdeutlichen die inhärente Komplexität, mit der der Aspekt Tageslicht in der Gebäudeplanung verbunden ist. Zugleich eröffnen die biologischen Erkenntnisse zu den Wirkungsmechanismen des Lichts und zu den spezifischen Vorzügen von Tageslicht gegenüber künstlicher Beleuchtung neue Möglichkeitsräume, diese Zielkonflikte im Sinne des Human-centered Design differenzierter zu bewerten. Insbesondere die potenziellen Auswirkungen einer biologisch optimierten Tageslichtversorgung auf Produktivität und kognitive Leistungsfähigkeit erweitern den Argumentationsraum um eine ökonomische Dimension, die in der Planung bislang häufig unterschätzt wird. Bereits marginale Verbesserungen können hier aufgrund der hohen Lohnkosten im Verhältnis zu Bau- und Betriebskosten einen erheblichen Hebel entfalten. Gleichzeitig zeigt sich, dass traditionelle Vorbehalte gegenüber aktiver Kühlung unter den Bedingungen eines zunehmend regenerativ geprägten Energiesystems neu eingeordnet werden müssen, insbesondere dann, wenn hohe Eigenverbrauchsanteile aus Photovoltaik mit einer zeitgleich anfallenden Kühllast zusammenfallen. Es wird klar, dass Tageslicht als zentraler Bewertungsmaßstab einer stärker am Menschen orientierten Gebäudeplanung verstanden werden muss.
Literatur
Altomonte, S., Allen, J., Bluyssen, P. M., Brager, G., Heschong, L., Loder, A., Schiavon, S., Veitch, J. A., Wang, L. und Wargocki, P. (2020). Ten questions concerning well-being in the built environment. Building and Environment, 180, 106949. doi: 10.1016/j.buildenv.2020.106949.
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